Gedanken zum Jahresthema für das Schuljahr 2012/2013: "Einfach liewen"

Wer schon mal eine mehrtägige Wanderung mit dem Rucksack gemacht hat, der weiß, dass es beim Packen vom Rucksack auf jede 100 Gramm ankommt. Man muss abwägen: brauche ich wirklich noch dieses Paar Socken oder geht es auch ohne. Eine Jacke reicht, es müssen nun nicht zwei oder drei sein. Zuviel Gepäck belastet, schränkt ein beim Vorwärtskommen.

Wir leben in einer Zeit, in der jeder von uns – angefangen vom Kind bis zum alten Menschen – eine Menge Gepäck durch sein Leben schleppt. In unserer konsumgeprägten Gesellschaft hat sich mittlerweile folgende Auffassung fest etabliert: ein gutes, glückliches Leben hat der, der sich viel leisten kann. - Die Menschen, die da nicht mithalten können, werden oft sozial ausgegrenzt; auch verlieren immer mehr Menschen das Maß für das, was sie sich eigentlich leisten können. Selten wird hinterfragt, ob alles, was man besitzt, auch wirklich dazu beiträgt, unsere Lebensqualität zu verbessern.

Das Jahresthema "Einfach liewen" für das Schuljahr 2012/2013 will dazu anregen, sich mit Alternativen zu einem konsumorientierten Leben und dem sich daraus ergebenden Nutzen für uns Menschen und unsere Welt zu beschäftigen. Einige Aspekte sollen hier exemplarisch vorgestellt werden:

Ein großes Problem, das mit dem wachsenden Materialismus einhergeht, ist die Schnelllebigkeit, der die Menschen ausgesetzt sind. Wer mehr Geld braucht, muss mehr arbeiten, hat weniger Zeit für sich und seine Bedürfnisse. Oft bietet der Alltag kaum noch Zeit zum Atemholen oder kurze Zeiten der Stille. Zudem will alles, was wir anschaffen, ausgewählt, finanziert, benutzt, verwaltet und gepflegt werden. Das kompliziert unseren Alltag, reduziert unsere Lebenszeit für Entspannung und Freiheit.

Einige Menschen verzichten ganz bewusst auf gekaufte Leistungen und setzen auf Eigenleistung, sei es im Bereich Ernährung (selbst kochen, gärtnern) oder Handwerk (schreinern, mauern, Kunsthandwerk...). Dadurch bekommen sie einen anderen Bezug zur Natur und gewinnen mehr Zufriedenheit und Selbstvertrauen, wenn sie die Produkte ihrer Hände Arbeit sehen und gebrauchen können. Besonders wichtig wäre dies auch für unsere Kinder und Jugendlichen, die viel Zeit vor dem Computer verbringen, oft nicht mehr wissen, dass Nahrung und all die Dinge des alltäglichen Lebens mühsam erarbeitet werden müssen.

Mehr als 4 Stunden täglich verbringt der Mensch vor dem Fernsehen, PC und anderen modernen Medien. Sie stehlen den Menschen oft die Zeit für eigene Gedanken oder dem Zusammensein mit Familie und Freunden. Auch wird Zeit für sinnvolle Hobbies und körperliche Aktivitäten dadurch verschenkt. Darüber hinaus manipulieren sie uns zu einem konsumorientierten Leben, führen uns vor Augen, was wir angeblich brauchen oder tun müssen, um „in" zu sein. Kinder und Jugendliche, aber auch Erwachsene entwickeln so oft keine eigenen Wertvorstellungen, lassen sich vom Trend der Zeit mitreißen.

Echte Kommunikation wird zu einem Problem unserer nahen Zukunft werden. Von daher ist es sicherlich sinnvoll, den Gebrauch von moderner Kommunikationstechnik einzuschränken. Nur dadurch können wir wahre, realitätsnahe Kontakte aufbauen und erhalten. Unser Familienleben würde davon profitieren, auch Maßnahmen wie Nachbarschaftshilfe und ehrenamtliche Tätigkeiten in der Gemeinde bekämen neuen Aufschwung. Viele Vereine auf den Dörfern müssten nicht um ihre Existenz fürchten.

Schlussendlich sei auch noch darauf hingewiesen, dass ein eingeschränkter Konsum auch gleichzeitig zu mehr Umweltschutz führt, durch Einsparungen im Energiebereich und der Entsorgung. Zudem werden unsere Rohstoffressourcen weniger ausgebeutet. Das würde mit Sicherheit auch zu mehr globaler Gerechtigkeit und mehr Frieden in der Welt führen.

Das Jahresthema "Einfach liewen" will dazu anregen, sich bewusster mit sich selbst, den Menschen und der Natur auseinander zu setzen. Das Wertesystem, dass uns in unserer Gesellschaft von den modernen Medien und Meinungsmachern aufgedrückt wird, soll kritisch hinterfragt werden. Dabei geht es nicht darum, uns den Spaß und die Freude am Leben zu verderben. Das genaue Gegenteil ist der Fall.

Nicht umsonst rufen alle großen Religionen der Welt in ihren jahrhundertelangen Erfahrungen mit menschlichem Leben zu Einschränkung, Verzicht oder Askese auf.

Auch im Christentum heißt es im Neuen Testament in der Bergpredigt: „Sammelt euch nicht Schätze hier auf der Erde, wo Motte und Wurm sie zerstören und wo Diebe einbrechen und sie stehlen... sammelt euch Schätze im Himmel... denn wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz...."

„Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt. Ist nicht das Leben wichtiger als die Nahrung und der Leib wichtiger als die Kleidung........" (Mt 6, 19 ff)

Hier geht es nicht darum, Faulheit oder Leichtsinn als erstrebenswertes Lebensziel darzustellen. Vielmehr geht es um Befreiung von übertriebener Sorge und um eine andere Gewichtung von Lebenswerten.

Die Rückbesinnung auf das, was wir Menschen wirklich zum Leben brauchen, und was uns guttut, kann uns befreien und zu einem selbstbestimmten und erfüllterem Leben führen. Denn eine äußere Umstellung des Lebens hat stets zur Folge, dass man eine neue innere Haltung zum Verständnis von Welt und Leben gewinnt. Und das ist es doch letztendlich, auf was es in unserem Leben ankommt: nicht kurzlebiger Spaß und Genuss, sondern ein tiefes, sinnerfülltes und glückliches Leben.

"Weniger ist oft mehr" – diese Devise gilt demnach nicht nur für eine Wanderung, sondern für eine ganze Lebensreise!

 

Anette Poss